Für Biographie von Claude Lévi-Strauss

Einhard-Preis 2019 an Emmanuelle Loyer verliehen


Am 16. März 2019 ist in Seligenstadt zum elften Mal der Einhard-Literaturpreis verliehen worden. Im Rahmen einer festlichen Zeremonie im großen Saal des "Riesen" nahm die französische Historikerin Emmanuelle Loyer die Auszeichnung aus den Händen des Vorsitzenden des Präsidiums der Einhard-Stiftung, Aloys Lenz, entgegen. Loyer, Professorin für Zeitgeschichte an der Grande École Sciences Po Paris, erhielt den mit 10.000 Euro dotierten Preis für ihre Biographie des französischen Ethnologen Claude Lévi-Strauss (1908-2009). Die Laudatio hielt die Malerin und Schriftstellerin Anita Albus.


© Horst Müller

In der Begründung des Kuratoriums der Stiftung, das den Preisträger auswählt, heißt es, Loyer sei die „Biographie einer Jahrhundertfigur“ gelungen, „eines Wissenschaftlers von weltweiter Ausstrahlung, der sein Fach auf eine neue Grundlage gestellt hat und hundert Jahre alt wurde“. Die Autorin schöpfe aus dem Nachlass wie aus Gesprächen insbesondere mit der Witwe von Lévi-Strauss und warte „mit einer Fülle ursprünglicher Mitteilungen“ auf. Lévi-Strauss werde zunächst vor dem Hintergrund seiner Familie aus dem elsässisch-jüdischen Bürgertum und dann im Zusammenhang der Institutionen porträtiert, von der sozialistischen Partei über die Unesco und das von ihm gegründete ethnologische Laboratorium bis zur Académie française. Besonderes Augenmerk schenke die Verfasserin den Eigenheiten des französischen Elitebildungswesens und dessen Verbindung mit dem Staat.

Anita Albus würdigte in ihrer Laudatio Loyers Werk als eine „ergreifende Biographie“ und „kurzweilige Lektüre“, die mit jedem Kapitel die Neugier des Lesers anstachele. Albus hob besonders „den Reichtum an Information, den Scharfsinn der psychologischen Analyse und die Richtigkeit der Schlussfolgerungen“ hervor, durch die das Buch zugleich ergreife, überrasche und bezaubere. Die Autorin lasse in ihrem Werk eine ganze Epoche wiederaufleben. Zur „Vielfarbigkeit und Lebendigkeit der Schilderung“ trügen vor allem auch die geschickt in den Erzählstrang eingeflochtenen Aussagen der vielen Zeugen, der Familienmitglieder, Mitarbeiter, Kollegen und Freunde von Lévi-Strauss bei. Angesichts der Fülle an Material, das die Autorin zu bewältigen gehabt habe, mute es wie ein Wunder an, dass Loyer ihr Werk in gerade einmal vier Jahren habe vollenden können.

In ihrer Dankesrede sagte die Preisträgerin Loyer, sie habe nicht versucht, „das Tun und Lassen eines großen Mannes zu schreiben, sondern das Jahrhundert von Lévi-Strauss zu durchqueren“. Der Ethnologe sei ein „ernster und exzentrischer, unruhiger und träumerischer Intellektueller“ gewesen, „ein Ästhet der Kultur und der Natur“, der seinen Blick auf viele Probleme der Welt von heute gerichtet habe: auf die Beziehungen zwischen Mensch und Tier, die neuen Elternschaften, die ökologischen Fragen und die Probleme der Entwicklung. „Und jedes Mal ist seine Respektlosigkeit gegenüber unseren Credos äußerst frappierend.“ Trotz seiner eigenen „gebeutelten Geschichte“, geprägt durch zwei Weltkriege, den Holocaust und Jahre des Exils in den Vereinigten Staaten, vermittele sein Werk stets einen „maßvollen Optimismus“. Die Krise des Fortschritts, die Lévi-Strauss analysiere und die wir heute „mit grausamer Intensität“ erlebten, zeige er dank seiner Art und Weise auf, die Wahrheiten seiner Zeit nicht zu teilen. „Die vergangenen Gesellschaften und die wilden Gesellschaften haben Antworten auf Probleme gegeben, die auch die unseren sind. Es ist nützlich, sie zu kennen, ja sogar, sie für unsere Zwecke aufzugreifen, um uns die Absonderlichkeit unseres historischen Wegs zu Bewusstsein zu bringen.“