Preisträger 2017
Albrecht Schöne

Professor emeritus für Deutsche Philologie
an der Universität Göttingen
Für sein Werk "Der Briefschreiber Goethe"



Goethes Lebenslauf ist so gut dokumentiert, dass Biographien sich zu erübrigen scheinen. Eine von Tag zu Tag fortschreitende Chronik seines Lebens füllt acht Bände. Der Goethe-Biograph bewegt sich im Schatten des Autobiographen beziehungsweise des unermüdlichen Produzenten von Ego-Dokumenten. So sind allein ungefähr 14.700 Briefe Goethes überliefert. Aus dieser Riesenmenge hat der Göttinger Germanist Albrecht Schöne eine verschwindend kleine, einstellige Zahl ausgewählt: neun, um in eingehenden Interpretationen Goethe in der Rolle, Funktion und Gestalt des Korrespondenten zu zeigen - und in allen anderen Rollen des Vielgewandten: als Dichter, als Liebenden, als Zeitzeugen, als Politiker, als Naturphilosophen, als Freund.
Im Studium des Mikrokosmos der seit jeher flüchtigen Textgattung des Briefes, die sich in unseren Tagen vollends zu verflüchtigen scheint, tritt so etwas wie das Ganze der Person ans Licht. Freilich bleibt die Ganzheit unvollständig, weil Schöne strikt philologisch vorgeht und dem Paradox der Briefform Rechnung trägt, dass der Verfasser der persönlichen Mitteilungen sich nach dem Adressaten richtet. Schöne hat sein Buch komponiert, aus Einzelstudien zusammengesetzt, wie sie ihm seinen gelehrten Ruhm eingetragen haben. Dabei ist ein Werk entstanden, ein jederzeit anschauliches und lebendiges Buch, das eine Einheit bildet und zugleich als Kompositum erkennbar bleibt. Dieser konstruktive Umgang mit der Form unterscheidet das Buch von konventionellen, nur scheinbar fugenlosen Biographien, die der Illusion erliegen, ein Leben lasse sich einfach so erzählen. Mit der genauen Betrachtung brieflicher Quellen nimmt Schöne eine Tendenz der biographischen Literatur auf, für die auch neuere Biographien Kafkas oder Prousts stehen. Das Singuläre an seinem Buch: Texte, die sonst immer Material bleiben, werden Schöne zum Stoff.
Schönes Leser durchmisst Goethes Lebenszeit von Anfang bis Ende, vom ersten Brief des Vierzehnjährigen bis zum letzten, den Goethe fünf Tage vor seinem Tod an Wilhelm von Humboldt schickte. So kann „Der Briefschreiber Goethe“ für die Biographie Goethes einstehen. Albrecht Schöne bietet keinen Ausschnitt von Goethes Leben, sondern einen mit dem Brieföffner hergestellten Querschnitt, in dem man wenig vermissen wird.

Votum des Kuratoriums

Foto: © Adrienne Lochte