Preisträger 2013
John C.G. Röhl

Professor emeritus für Geschichte
an der University of Sussex
Für seine dreibändige Biographie von Kaiser Wilhelm II.



Röhls Frage nach Verantwortung und Verantwortungslosigkeit Wilhelms II. nahm die Rückwendung der historischen Forschung zum klassischen Interesse an den politischen Entscheidungsabläufen vorweg. Die europäische Katastrophe des Ersten Weltkriegs rechtfertigt das Unternehmen, Wilhelms Leben von Tag zu Tag zu rekonstruieren; der europäische Rahmen von Röhls Darstellung liefert den Clou seiner Deutung. Röhls Wilhelm II. ist zugleich Repräsentant und Außenseiter der europäischen Fürstengesellschaft. Wie ein Hof funktioniert, lässt sich aus nationalgeschichtlichen Besonderheiten nicht erklären. In der Fiktion, dass alles auf den Monarchen ankommt, liegt eine tatsächliche Machtchance. Wilhelms persönliches Regiment erweist sich als Extremfall dieses von Norbert Elias analysierten Königsmechanismus.

Röhl schöpft aus einer Fülle unbekannter Quellen, insbesondere aus den Nachlässen der fürstlichen Personen. Wenn die Historie nach der Definition von Paul Veyne ein wahrer Roman mit Lücken ist, so kann Röhl im Lebensroman Wilhelms II. fast jede Lücke schließen. Die Unmittelbarkeit der Erzählung zieht den Leser ins Geschehen hinein. Röhl entzieht den Rationalisierungen der Geschichtswissenschaft, die überall Sinn- oder wenigstens Funktionszusammenhänge vermutet, den Boden und holt die oft jämmerliche, manchmal empörende Irrationalität der Akteure ans Licht. Wie Wilhelm II. ist John Röhl der Sohn einer englischen Mutter und eines deutschen Vaters. Er wuchs zeitweise in Frankfurt auf. Hätte die deutsch-englische Geschichte einen glücklicheren Verlauf nehmen können? Diese Frage nach dem Ungeschehenen, wie zunftmäßige Historiker sie zu umgehen pflegen, war es, die Röhl zum Biographen Wilhelms II. werden ließ.

Votum des Kuratoriums

Foto: © Stuart Robinson







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