22. März 2007

Der Held der großen Depression
Ein Leben in drei Bändern:
Zum Tode des Bismarck-Biographen Otto Pflanze


Als Otto Pflanze, der am 3. März im Alter von achtundachtzig Jahren verstorben ist, 1999 in Seligenstadt als erster Preisträger den Einhard-Preis für historische Biographik entgegennahm, hat er die Geschichte seiner Familie erzählt. Sein Großvater Karl Pflanze wanderte wie viele seiner mecklenburgischen Verwandten nach Amerika aus. 1863 ging er in New York an Land. Mit Rücksicht auf die Gesundheit seiner Frau suchte er einen Ort mit südlich-mildem Klima und ließ sich in Tennessee nieder, wohin es nur wenige Deutsche verschlug. Fünfundvierzig Kilometer mussten Karl und Marie Pflanze mit dem Zug bis zu der lutherischen Kirche fahren, in der sie ihre Kinder taufen ließen. 1874 nahm Karl Pflanze, der die Einigung Deutschlands begrüßt haben soll, die amerikanische Staatsbürgerschaft an.

Otto Pflanze wurde 1918 geboren, als mit amerikanischer Hilfe der erste deutsche Griff nach der Weltmacht vereitelt wurde. Im Zweiten Weltkrieg diente er bei der Luftwaffe. Nach dem Sieg in Europa wollte er sich nach Deutschland schicken lassen, wurde aber in den Pazifik abkommandiert. Im Haus seiner Großeltern standen die Werke Goethe und Schillers und Porzellanbüsten von Mozart, Beethoven und Wagner. Der zehnjährige Otto fragte seine Mutter, wer die beiden imponierenden Männer mit ernsten Gesichtern waren, deren Porträts im Speisezimmer hingen, und äußerte die Vermutung, es handele sich um Abraham Lincoln und Ulysses S. Grant. Tatsächlich waren hier ein Staatsmann, der im Krieg die Einheit der Nation schmiedete, und sein Feldherr dargestellt: Otto von Bismarck und Hellmuth von Moltke.

1990 brachte Otto Pflanze sein dreibändiges Werk über Bismarck und die politische Entwicklung Deutschlands zum Abschluss. Der erste Band war 1963 erschienen; Rezensenten hoben hervor, dass der Integration der deutschen Südstaaten besondere Aufmerksamkeit zuteil wurde; 1980 gehörte der Professor der Indiana University in Bloomington mit Heinrich Lutz zu den ersten Stipendiaten des Historischen Kollegs. Die deutsche Übersetzung ist wie die ebenfalls vom Kolleg geförderte und nach jahrzehntelanger Arbeit vollendete Montgelas-Biographie des diesjährigen Einhard-Preisträgers Eberhard Weis in zwei Bänden bei C.H. Beck erschienen. Überraschend nannte Hans-Peter Schwarz, der Rezensent dieser Zeitung, Pflanzes anschließendes Urteil, dass Bismarck am ehesten mit Franklin D. Roosevelt zu vergleichen sei, weil er „das System zu modifizieren“ gesucht habe, „um es zu retten“. Aus nächster Nähe hatte Pflanze in seiner Jugend den New Deal miterlebt, die faustischen Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen der Tennessee Valley Authority. Sein Lehrer in Yale war der aus Deutschland vertriebene liberale Historiker Hajo Holborn, der von 1943 bis 1945 im Office of Strategic Studies des Außenministeriums tätig war. Dem Eindruck von Holborns „History of Modern Germany“ schrieb Pflanze es zu, dass er in seinen Bismarck-Forschungen der Wirtschafts- und Sozialpolitik das gebührende Gewicht geben wollte. Im Unterschied zur Sozialimperialismustheorie der „kritischen“ deutschen Historikerschule betonte Pflanze, dass in Bismarcks Entscheidungen auch auf diesen modernen Politikfeldern sachliche Gesichtspunkte eingingen. Die eigentliche Stärke der Biographie liegt freilich in der klassischen Analyse der der Entscheidungssituationen der großen äußeren und inneren Politik. Wie ein anderer Holborn-Schüler mit deutschen Wurzeln, Peter Gay, entdeckte Pflanze die Psychoanalyse. Die individualpathologische Deutung vermeintlicher Zwangslagen der Machtpolitik ist eine Einfühlungsleistung des verfeinerten Liberalismus. Wenn Pflanze den Machtwillen seines Helden auf den depressiven Charakter zurückführt, sieht sein Bismarck wirklich wie Lincoln aus.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21 März 2007