24. November 2012

Historiker John C.G. Röhl
erhält den Einhard-Preis 2013


Seligenstadt. Den Einhard-Preis 2013 erhält der deutsch-britische Historiker John C.G. Röhl für seine dreibändige Biographie des deutschen Kaisers Wilhelm II. Das gab der Vorstand der Einhard-Stiftung heute in Seligenstadt bekannt. Die alle zwei Jahre verliehene und mit 10.000 Euro dotierte Auszeichnung ist benannt nach dem Berater und Biographen Kaiser Karls des Großen, Einhard (* um 770, † 840), der in Seligenstadt lebte und dort ein Kloster gründete. Die Laudatio bei der feierlichen Preisverleihung am 16. März 2013 in Seligenstadt wird der renommierte australische Historiker Christopher Clark halten, der als Professor für Europäische Geschichte an der Universität Cambridge lehrt.




© Stuart Robinson


Wilhelm II. (1859-1941) war der letzte Kaiser des Deutschen Reiches. Unter seiner Führung stürzte Deutschland in den Abgrund des Ersten Weltkriegs. Die Selbstüberschätzung des umstrittenen Monarchen hätten die Historiker mit Unterschätzung bestraft, heißt es in der Begründung des Kuratoriums der Einhard-Stiftung. In den Kontroversen um den deutschen Anteil der Schuld am Ersten Weltkrieg habe Wilhelm deshalb lange keine Rolle gespielt. „Mit dem Fleiß und dem Scharfsinn des unbeirrbaren Einzelkämpfers hat Röhl eine Revision des Urteils bewirkt.“ Dem 1938 in London geborenen Autor, der bis zu seiner Emeritierung 1999 als Professor an der Universität Sussex Neuere europäische Geschichte lehrte, sei es gelungen, „den Rationalisierungen der Geschichtswissenschaft, die überall Sinn- oder wenigstens Funktionszusammenhänge vermutet, den Boden zu entziehen“. Vielmehr holte Röhl „die oft jämmerliche, manchmal empörende Irrationalität der Akteure ans Licht“. Seine Frage nach Verantwortung und Verantwortungslosigkeit Wilhelms II. habe die Rückwendung der historischen Forschung zum klassischen Interesse an den politischen Entscheidungsabläufen vorweg genommen.

In seinem Werk schöpfe der Autor aus einer Fülle unbekannter Quellen, insbesondere aus den Nachlässen der fürstlichen Personen. „Wenn die Historie nach der Definition von Paul Veyne ein wahrer Roman mit Lücken ist, so kann Röhl im Lebensroman Wilhelms II. fast jede Lücke schließen“, so das Kuratorium. Die europäische Katastrophe des Ersten Weltkriegs rechtfertige das Unternehmen, Wilhelms Leben von Tag zu Tag zu rekonstruieren; der europäische Rahmen von Röhls Darstellung liefere den Clou seiner Deutung.

Die Einhard-Stiftung wurde 1998 von Seligenstädter Bürgern zur Pflege des Andenkens an Einhard gegründet, den Berater und Biographen Karls des Großen. Alle zwei Jahre verleiht die Stiftung den mit 10.000 Euro dotierten Einhard-Literaturpreis für eine herausragende Biographie einer Persönlichkeit, deren wissenschaftliches, religiöses, politisches, künstlerisches oder wirtschaftliches Lebenswerk in einer engen Beziehung zu Europa steht. Zu den bisherigen Preisträgern zählen die Autorin Margot Friedlander, die Historiker Eberhard Weis und Otto Pflanze, der Journalist und Publizist Joachim Fest sowie die Literaturwissenschaftler Irène Heidelberger-Leonard, Brian David Boyd und Hugh Barr Nisbet.