Preisträgerin 2019
Emmanuelle Loyer

Professorin für Zeitgeschichte an der Grande École Sciences Po Paris

Für ihre Biographie von Claude Lévi-Strauss



Die Biographie einer Jahrhundertfigur. Im doppelten Sinne: eines Wissenschaftlers von weltweiter Ausstrahlung, der sein Fach auf eine neue Grundlage gestellt hat und hundert Jahre alt wurde. Ein sehr langes Buch über ein sehr langes Leben: aber in den einzelnen Kapiteln durchweg bündig, immer an der charakteristischen Konstellation der Umstände interessiert, nie auf Vollständigkeit um ihrer selbst willen bedacht. Emmanuelle Loyer, Professorin für Geschichte am Institut d'études politiques de Paris (Sciences Po), schöpft aus dem Nachlass wie aus Gesprächen insbesondere mit der Witwe und wartet mit einer Fülle ursprünglicher Mitteilungen auf.
Der große Individualist Lévi-Strauss (mit starkem Selbstvertrauen begnadet, ja, in der Frühphase der Karriere von der Fähigkeit profitierend, sich selbst Kredit zu geben), der sich als Autor-Ich freilich auslöschen wollte (obwohl er mit dem hypersubjektiven, anti-wissenschaftlichen Reisebuch der „Traurigen Tropen“ berühmt wurde), wird zunächst vor dem Hintergrund seiner Familie aus dem elsässisch-jüdischen Bürgertum und dann im Zusammenhang der Institutionen porträtiert, von der sozialistischen Partei über die Unesco und das von ihm gegründete ethnologische Laboratorium bis zur Académie française. Dem entspricht auf der inhaltlichen Ebene die Spannung zwischen der französischen Tradition des Universalismus und Rationalismus und einer Methodik und Weltanschauung des Kulturrelativismus. Besonderes Augenmerk schenkt die Verfasserin den Eigenheiten des französischen Elitebildungswesens und dessen Verbindung mit dem Staat.
Wie hat der Gelehrte sein Leben eingerichtet? Die Kapitel über den Ethnologen im Gehäuse und im Feld sind auch literarische Glanzstücke. Im letzten Drittel, wenn Lévi-Strauss zum Klassiker geworden ist, gewinnt das Buch noch einmal zusätzlichen Schwung. Es bewährt sich die Fähigkeit von Emmanuelle Loyer, ihren Gegenstand in ein wechselndes, durchgehend interessantes Licht zu rücken. So kann man diese Biographie als eine Gesamtschau französischer Intellektualität im zwanzigsten Jahrhundert lesen – von der Musik der Salons über Exil und Kollaboration im Zeichen von Vichy bis hin zu Michel Foucault und Präsident Chiracs Musée du quai Branly.


Votum des Kuratoriums

Foto: © Claude Gassian/Flammarion