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Preisträger 2021

 

Jacques Tardi

Comic-Autor, Paris, Frankreich

für seine Biographie 
„Ich, René Tardi, Kriegsgefangener im Stalag II B“ 

 

Preis Verleihung am 12.3.2022
Laudatio: Andreas Platthaus
Frankfurter Allgemeine Zeitung




 

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Gezeichnete Biographien sind vielleicht die wichtigste Erweiterung der bio-graphischen Gattung in den letzten Jahrzehnten; Comiczeichner wie Art Spiegel-man („Maus“) oder Simon Schwartz („Packeis“, „Ikon“) finden ganz eigene Mittel für die Überblendung von Vergangenheit und Gegenwart, für die subjektive Perspektive als Widerpart der Macht des epochalen Schicksals, für Zeitsprünge und Tricks der Erinnerung – also für alles das, was aus Sicht der modernen Ästhetik und Psychologie an der Biographie interessant ist.

Der Einhard-Preis des Jahres 2021 würdigt diese Erneuerung der Biographie und ehrt mit Jacques Tardi einen Klassiker des französischen Comics. Tardi ist berühmt geworden als Illustrator der bürgerlichen Lebens- und Phantasiewelt vor und nach 1900 und als zeichnender Historiker des Ersten Weltkriegs, der Urkatastrophe des zwanzigsten Jahrhunderts und ganz besonders der neuesten Geschichte der französischen Republik. Das dreibändige Werk, das er aus Erinnerungen seines Vaters schöpfte, hat den Zweiten Weltkrieg zum Gegen-stand.

Die schriftlichen Aufzeichnungen René Tardis über seine Kriegsgefangenschaft in Deutschland sind auf Bitten des Sohnes entstanden: Diese Biographie brachte ihre eigenen Quellen hervor. In den Bildern der Bildgeschichte tritt der Sohn dem Vater zur Seite, als Zeuge vom Hörensagen, der zu sehen bekommt, was er nur aus Berichten kennt. Der Autor stellt Fragen als Stellvertreter der Leser. Das Lager als totale Institution war komplett von der Außenwelt abge-schnitten. Die Zeichnungen machen eine Welt sichtbar, von der es keine Bilder geben sollte. Gerade deshalb wählt Tardi für das Panel, das Einzelbild als Grundelement der Comicerzählung, ein seitenbreites Format: das Panorama eines unmöglichen Alltags.

Geschichte ist hier etwas, das dem Einzelnen widerfährt, am eigenen, fremd-bestimmten Leib. Für den Biographen Jacques Tardi bieten die Erfahrungen des Gefangenen René Tardi gleichzeitig den Stoff für Reflexionen über Diktatur und Krieg als wiederkehrende Extremzustände des Gemeinschaftslebens. Jeder der drei Bände hat seine eigene Atmosphäre. Der dritte führt die Lebensgeschichte René Tardis über die Befreiung hinaus. Jetzt werden auch der Strich und die Er-zählweise noch einmal freier. Der Kriegsgefangene kehrt im Frieden freiwillig nach Deutschland zurück. Die Biographie geht auf in der Topographie, in der Vergegenwärtigung von Orten, die heute auch ohne kriegerische Gewalt-einwirkung vergangen sind. Erinnerung braucht Arbeit, dann ist Verständigung nicht utopisch.

 

(Votum des Kuratoriums)